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Burnout im Leistungssport

*Burnout – was ist das? *

Während psychische Probleme von Athleten früher meist wie „Staatsgeheimnisse“ ­gehütet wurden, taucht der Begriff Burnout in jüngster Zeit immer häufiger auf, wenn Sportler, Trainer oder andere bekannte ­Persönlichkeiten sich ihren Aufgaben nicht mehr gewachsen sehen, eine Pause ein­legen, sich aus der Öffentlichkeit zurück­ziehen oder sich gar in psychothera­peutische Betreuung begeben.

Beispielsweise gab Jürgen Klinsmann als Grund für seinen Rückzug als Bundestrainer an, „ausgebrannt und leer“ zu sein. Radcross-Weltmeisterin Hanka ­Kupfernagel, die Fußballprofis Sebastian ­Deisler und Jan Simák, der Sieger der Vier-Schanzen Tournee Sven Hannawald: sie alle haben ihre Karriere unterbrochen oder sogar beendet mit der Diagnose „Burnout-Syndrom“. Deutlich wird, dass Topathleten wie Trainer der unterschiedlichsten Sportarten unter der Symptomatik leiden. Anzunehmen ist außerdem, dass es sich bei den bekannten Fällen lediglich um die „Spitze des Eisberges“ (vgl. Grossekathöfer & Wulzinger, 2003) handelt und im Spitzensport viel mehr Personen, Athleten wie Trainer, betroffen sind.
Ursprünglich bezeichnete der amerikanische Psychoanalytiker Freudenberger erstmals in den 70er Jahren mit dem Begriff Burnout eine Erschöpfung auf physischer, psychischer und emotionaler Ebene. Dieses Krankheitssyndrom ­wurde vor 30 Jahren hauptsächlich bei Menschen in verantwortungs- und anspruchsvollen Sozialberufen diagnostiziert. In den 90er Jahren galt Burnout als typische Managerkrankheit. Heute wird davon ausgegangen, dass Burnout jede Person treffen kann – wie zum ­Beispiel engagierte Hausfrauen und Mütter, dynamische Unternehmens­berater aber auch erfolgreiche (Hoch)­Leistungssportler. Folgen von Burnout sind ein chronischer Erschöpfungs­zustand begleitet von unangemessener Reizbarkeit, Motivationsverlust bis hin zu schweren depressiven Verstimmungen und der daraus resultierenden Leistungsunfähigkeit (Aronson, Pines?&?Cafry, 1983; Koch & Kühn, 2001).

Obwohl keine einheitliche Definition vorliegt, ist allen Begriffsbestimmungen jedoch gemeinsam, dass Burnout einen schleichenden Prozess darstellt und der Burnout-Zustand als Resultat von chronischem Stress zu betrachten ist (vgl. Ziemainz, Abu-Omar, Raedecke & Krause, 2004). Trotz variierender Angaben über die Anzahl der Phasen dieses Prozesses (vgl. Koch & Kühn, 2001) werden folgende Hauptstadien angenommen:
1. Der Burnout-Prozess zeichnet sich in der Anfangsphase durch vermehrtes Engagement und erhöhte Leistungs­fähigkeit sowie den subjektiven Eindruck der eigenen Unentbehrlichkeit aus. Die Betroffenen wirken aktiv, ­dynamisch, engagiert und können Unglaubliches leisten.
2. Es folgt eine Phase, in der physiologische und psychologische Warn- und Alarmsignale auftreten, vom Betroffenen aber ignoriert werden. Dies sind u.?a. erhöhter Ruhe- und Belastungspuls, ­erhöhter Blutdruck im Ruhezustand, Schlaf­störungen, Muskelschmerzen, Ge­wichtsveränderungen, reduzierte ­Libido sowie zunehmende Infekt- und Verletzungsanfälligkeit. Außerdem können wachsende Stimmungslabilität, Erholungsunfähigkeit und reduzierte Selbstachtung auftreten.
3. Im weiteren Verlauf reagieren die Betroffenen mit Rückzug aus den gewohnten Tätigkeiten, „innerer Kündigung“, Sarkasmus, Ironie, Zynismus ­gegenüber der ursprünglich geliebten Tätigkeit.
4. Abschluss der Spirale bildet dann
ein Zustand völliger physischer und ­psychischer Erschöpfung, der von manifesten Depressionen bis hin zu Suizidgedanken begleitet sein kann.

Ursachen von Burnoutim Leistungssport

Es gibt eine Fülle theoretischer Erklärungsansätze zu den Ursachen von Burnout. Im Setting Sport lassen sich die vorliegenden Modelle im Wesentlichen zwei Grundperspektiven zuordnen (vgl. Ziemainz et al., 2004). Die personbezogenen bzw. individuenzentrierten Ansätze sehen die Ursache für Burnout vor allen Dingen in der betroffenen ­Person. Die Entstehung von Burnout wird beispielsweise auf eine ungünstige Interpretation der fünf Bedingungen Lohn, Aufwand, Alternativen, Befriedigung und Investitionen durch die ­Athleten zurückgeführt (vgl. Investment Model of Burnout and Dropout von Schmidt & Stein, 1991). In zwei ­weiteren Modellen wird Burnout als Folge von chronischem Stress verstanden. Beim Cognitive-Affective Model of Stress and Burnout (Smith, 1986 zitiert nach Gould, 1996 wird im Rahmen eines Vier-Stufen-Modells Persönlichkeitsmerkmalen (z. B. Selbstbewusstsein, Ängstlichkeit) und motivationalen Faktoren besondere Bedeutung beigemessen, während das Negative Training Stress Response Model von Silva (1990) Burnout primär als Folge exzessiven körperlichen Trainings und des daraus resultierenden physischen wie psychischen Stresses sieht. Die Phänomene Burnout und Übertraining werden als eng miteinander verbunden bzw. auseinander resultierend verstanden. Auch Kellmann (1997) erklärt Burnout als Folge eines längerfristig gestörten Gleichgewichts von Belastungen und Erholung eines Individuums. In organisations- bzw. bedingungsbezogenen Ansätzen werden dagegen die Gründe für Burnout in der Organisation bzw. Struktur des Hochleistungssports und den hiervon ausgehenden Effekten gesehen. Stress wird
in diesem Zusammenhang nicht als ­Ursache sondern Symptom begriffen (vgl. Identity Development and External Control Model von Coakley, 1992).
Es ist davon auszugehen, dass es nicht eine oder die Ursache für Burnout gibt, sondern die Erkrankung immer multifaktoriell bedingt ist. In der Literatur werden folgende ursächliche Faktoren für Burnout im Leistungssport aber auch in anderen karriereorientierten ­Berufssettings diskutiert, die sich in personbezogene und umweltbe­zogene Ursachenfaktoren differenzieren lassen:

Personbezogene Faktoren
(vgl. Petermann, 2004; Koch?&?Kühn, 2001)
Perfektionismus/hohes Anspruchsniveau
Extreme Leistungsorientierung
Tendenz zur Selbstüberforderung
Fehleinschätzung des eigenen Leistungshandelns
Fehlende Fähigkeit zur Wahr­nehmung von eigenen Bedürfnissen
Rollenkonflikte; Rollenunsicherheit

Umweltbezogene Faktoren
(vgl. Ziemainz et al., 2004; Petermann, 2004):
Hoher Erfolgs- bzw. Leistungsdruck von Seiten der Vereine, Medien, ­Zuschauer und/oder der Sponsoren
Hoher Konkurrenzdruck
Wirtschaftliche Abhängigkeit
Soziale Isolierung/Entwurzelung
Trainingsdauer von mehr als 2 Stunden täglich
Hohe Trainingsintensität
Zeitliche/Arbeitsbelastung im Beruf

Wichtig ist der Hinweis, dass Burnout nicht immer als Folge einer Überforderung entsteht. Auch eine längerfristige Beanspruchung im Sinne einer Unterforderung, wie z.?B. monotone Trainings­anforderungen, eintönige Aufgabenstellungen und die daraus resultierende Langeweile bzw. der Verlust der Sinnhaftigkeit des Tuns (vgl. Allmer, 1996) kann zur Burnout-Problematik führen. Im Leistungssport droht dann der Ausstieg aus dem Trainings- und Wettkampfprozess oder gar die Beendigung der Karriere.

Dipl.-Sportl. Marion Golenia
Dipl.-Psych. Marion Sulprizio

Ausgabe MSN 1 / 2007

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 1 / 2007.
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