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DOPING - GW1516 und AICAR - Die neuen "Hilfsmittel"

Die Chemie stimmt...

GW1516 und AICAR – diese beiden Substanzen sind vor allem nach den Olympischen Spielen in Peking 2008 ins Gerede gekommen. Nach Funden im Müll verschiedener Rennställe sollen sie aber auch während der letzten Tour de France eine Rolle gespielt haben.

Die neuen Substanzen

GW1516 ist eine Entwicklung des britischen Pharmariesen GlaxoSmith- Kline. Es stimuliert u.a. die Glukoseaufnahme in die Zelle und soll zur Therapie von krankhaftem Übergewicht (Adipositas) und Diabetes mellitus Typ II („Altersdiabetes“, metabolisches Syndrom) eingesetzt werden. Das Präparat befindet sich zurzeit in der klinischen Prüfung der Phase II (Überprüfung des Therapiekonzeptes, Dosisfindung) und ist damit in seiner Entwicklung bereits relativ weit fortgeschritten. Aufgeschreckt durch die Meldungen aus Peking, hat die WADA sogleich GW1516 in die aktuelle Liste der verbotenen Substanzen aufgenommen, u. zw. interessanterweise im Abschnitt M3 („Gendoping“). Dies geschah offenbar deshalb, weil die Wirkung von GW1516 initial durch die Beeinflussung von einzelnen Genen zu Stande kommt. Laut Pressemitteilung des Zentrums für Präventive Dopingforschung der Deutschen Sporthochschule Köln vom 20. März des Jahres liegt eine massenspektrometrische Nachweismethode vor.
AICAR steht für Aminoimidazol- Carboxamid-Ribonukleosid. Diese Substanz mit dem etwas sperrigen Namen sorgt wie GW1516 ebenfalls für einevermehrte Glukoseaufnahme in die Zelle, allerdings über einen anderen biochemischen Signalweg. Beide Substanzen wirken also synergistisch, d.h., sie verstärken einander und greifen in den Energiestoffwechsel ein. Da die Muskulatur unser größtes Organsystem ist, ist davon in erster Linie der Muskelstoffwechsel betroffen. So kommt es auch, dass unter der Gabe der Substanzen vermehrt phasische Typ-II-Muskelfasern (fast twitch) in tonische Typ-IFasern (slow twitch) umgewandelt werden. Gefördert wird damit die Ausdauerleistung der Muskulatur; auf die Kurzzeit- oder Sprintleistung der Muskeln haben AICAR/GW1516 einen eher nachteiligen Einfluss.
Soweit bekannt, liegen für AICAR bisher ausschließlich tierexperimentelle Befunde vor. Diese sind dafür umso beeindruckender. Auf Laufbändern rannten die als Marathonmäuse berühmt gewordenen, gedopten Versuchstiere 44 % länger als eine Kontrollgruppe unbehandelter Tiere. Ob dieses Ergebnis auf den Menschen übertragbar ist, ist nicht bekannt. Darüber hinaus steht die Erarbeitung eines Nebenwirkungsprofils noch aus. Auch AICAR ist in der WADA-Liste verbotener Substanzen verzeichnet; ein Dopingtest liegt hingegen in weiter Ferne.

Die mögliche Zukunft

Die Doping-Szene ist ein Sumpf. Durch die innige Verquickung der kommerziellen Interessen aller beteiligten Gruppierungen mit dem erhofften individuellen Gewinn an Sozialprestige des einzelnen Athleten wird der Dschungel eher noch dichter werden, als dass er sich lichten wird. Die beiden genannten Beispiele demonstrieren darüber hinaus sehr schön, mit welch intellektuellen Aufwand hier von Fall zu Fall vorgegangen wird.
Wie die Erfahrung in der Vergangenheit gezeigt hat, wird eine Erhöhung der Zahl der Kontrollen die Problematik nicht lösen können. Ein immer dichteres Kontrollsystem wird einerseits die persönlichen Freiheiten der Athleten in einem fast nicht mehr erträglichen Ausmaß einschränken. Andererseits wird damit, so ganz nebenbei, sehr viel Geld vernichtet.
Dies soll wohlgemerkt kein Plädoyer für eine gänzliche Einstellung aller Doping- Kontrollen sein. Insbesondere die unangekündigten Trainingskontrollen (Out-of-Competition Testing) haben, auch das ist durch die Erfahrung belegt, einen systemstabilisierenden Effekt – wenn sie denn auch regelkonform durchgeführt werden.
Die enormen Summen, die ein immer gigantischeres Kontrollsystem verschlingt, könnten sehr viel sinnvoller in entsprechende Präventionsprogramme investiert werden. Vor allem die Jugendarbeit in den einzelnen Vereinen sollte gestärkt und auf eine breitere Basis gestellt werden. Es gilt zu bedenken, dass eine Kontrolle immer funktioniert, nämlich die Selbstkontrolle. Unsere Kinder und Jugendlichen müssten durch entsprechende Schulung in die Lage versetztwerden, dass für sie Doping schlicht tabu ist. Außerdem muss endlich damit begonnen werden, die Trainer sowie die Funktionäre der Spitzenverbände rigoros auszutauschen. Solange „die alten Recken“ an den Schaltstellen sitzen, wird sich das System selbst perpetuieren.

Ausgabe MSN 6 / 2009

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 6 / 2009.
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