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preCooling - Mit Kühlen zum Erfolg !

Cooling-Maßnahmen - wärmstens zu empfehlen?

Ein Blick in die Praxis: Usuain Bolt läuft sich vor dem Sprint-Wettkampf nicht warm, Haile Gebrselassies „Leistungseinbruch“ beim Berlin-Marathon 2009 ab dem 30. Kilometer – bis dahin lag er auf Weltrekordkurs – wird mit den auf 18°C gestiegenen Umgebungstemperaturen begründet. Seinen letzten Weltrekord lief er 2008 bei 12°C. Und Sabrina Mockenhaupt fasst nach ihrem Marathon bei der WM 2009 treffend zusammen: Es war einfach zu warm.

Die Beispiele verdeutlichen das gleiche Grundproblem: Zu viel Wärme ist leistungsnegativ. Seit Anfang der 1990er-Jahre hat sich in diesem Kontext eine rege Forschungstätigkeit in Bewegung gesetzt. Das Ergebnis dieser Studien, die in einer Vielzahl (inter-) nationaler Publikationen vorliegen: Die leistungsmobilisierende Wirkung von Kälteapplikation im Sport kann als belegt und wissenschaftlich nachgewiesen gelten. Diese Tatsache entkräftet sowohl die oftmals nur plausibilitätsgestützte Auffassung, eine Körperkerntemperatur (KKT) von 38,5–39°C sei optimal als auch die Behauptung, der Kältethematik fehle es generell an präziser empirischer Basis. Das Gegenteil ist der Fall.
Mit der Implementierung der Kälteapplikation in trainingswissenschaftliche Überlegungen zur Steuerung und Optimierung der Leistung erfolgt ein Paradigmenwechsel: Wenn bisher als unverzichtbares Vorbereitungsziel die Körper(kern)temperaturerhöhung galt, so ist die Kälteapplikation als eine weitere Maßnahme hinzugekommen, die die Wärmefixierung relativiert und z.T. als kontraproduktiv ausweist. Die Vermutung, der Mensch müsse sich in Analogie zu poikilothermen Lebewesen vor körperlicher Betätigung erwärmen, d.h., seine „Betriebstemperatur“ erhöhen, missachtet den Tatbestand, dass diese Analogie unzutreffend ist – begründet durch die „thermoregulatorische Freiheit“ und „critical temperature“ (ab 38,5°C).

Ein Ziel von Kälteapplikation ist es, das Erreichen der „critical temperature“ zu vermeiden oder zumindest zeitlich hinauszuzögern, ein anderes besteht darin, als regenerative Maßnahme u.a. die körperliche Wärmeabgabe beschleunigend zu unterstützen, um möglichst schnell wieder die Normaltemperatur zu erreichen – ohne „Schockwirkung“ und Auskühlung.
Man differenziert abhängig vom Timing der Kälteapplikation das Pre-, Simultan-, Inter- und Postcooling, d.h. Kälteapplikation vor, während, zwischen und nach Belastungseinheiten. Precooling ersetzt kein sportbezogenes Vorbereitungsprogramm, sondern komplettiert es. Vorbereitung ist nicht mit „Aufwärmen“ zu synonymisieren und enthält nach wie vor z.B. mental-regulierende, allgemein mobilisierende sowie technisch-koordinative Anteile. Pre- und Simultancooling werden als leistungsmobilisierende, Interund Postcooling als regenerativ wirkende Maßnahmen eingesetzt. Eine umfassende Studienanalyse ergibt u.a., dass die Wirkung von Kälteapplikation geschlechtsunspezifisch, durchaus aber fähigkeitsspezifisch ist und im inversen Zusammenhang mit dem Leistungsniveau steht. Die Fähigkeitsspezifik wird darin deutlich, dass bei ausdauerdominanten Anforderungen die Wirkung höher als bei (Schnell-)Kraft- und Schnelligkeitsleistungen ausfällt, was thermoregulatorisch selbsterklärend ist.
Die theoretische und (leistungs-)sportpraktische Relevanz – belegt durch Forschergruppen u.a. aus Australien, Deutschland, Frankreich, Japan und den USA – zeigt sich in den Resultaten der vorliegenden Studien mit der Folge zahlreicher Kälteeinrichtungen und –apparaturen nicht nur in diesen Ländern. Im Juni 2009 ist im Bundesleistungszentrum Kienbaum eine Kältekammer eingerichtet worden, während Kältekammern in Deutschland bislang nur in Kliniken lokalisiert waren.

Die Kälteträger (Wasser, Eis, Luft, künstlich hergestellte Kühlmedien [Granulat, Gel]) können ganz- oder teilkörperlich angewendet werden; sie unterscheiden sich besonders durch die Geschwindigkeit des Temperaturaustausches, die vorrangig von der Größe der gekühlten Körperregion, der Temperaturdifferenz zwischen Haut und Kühlmedium, der Dauer der Kälteeinwirkung und den physikalischen Eigenschaften des Kältemediums bestimmt werden.
Eine Kühlung mit Kaltwasser kann via Wasserbad oder -dusche erfolgen, aber auch als Eis auf die Körperoberfläche appliziert werden. Auch Eiswasserimmersionen werden eingesetzt, bei denen allerdings wegen der hohen Temperaturleitfähigkeit von Wasser die Gefahr einer leistungsnegativen Muskeltemperaturreduzierung oder gar einer Hypothermie besteht;
Kaltwasser bietet sich ergo aus dieser Perspektive weniger für das Precooling als für das Postcooling an. Kaltwasserbedingte Leistungseinbußen erhöhen sich mit abnehmender Temperatur sukzessive. Nach einem Cooling mit <15°CWasser und >30 min Kühldauer treten deutliche Leistungsminderungen auf (bis 30 %). Als optimal haben sich Wassertemperaturen von 15–19°C und 30 Minuten Applikationszeit ergeben.
Kaltluftkühlung kann durch die natürliche konvektive Wärmeabgabe sowie durch zirkulierende Umgebungsluft via natürliche oder künstlich erzeugte Kaltluft (Kaltluftgebläse [–30°C], Kältekammer [–120°C]) erfolgen. Die empfohlene Aufenthaltsdauer für Sportler in der Kältekammer (als Pre- und Postcooling) mit einer Temperatur von minus 120°C beträgt 2,5 min. Aufgrund kontrollierter Dosiermöglichkeit und nahezu wasserdampffreier Luft besteht keine Unterkühlungsgefahr.

Die Kälteweste ist für den mobilen Einsatz die praktikabelste Lösung, wenn auch deutliche Qualitätsunterschiede der Westen zu berücksichtigen sind, die sich explizit im Gewicht und sukzessiven Temperaturanstieg zeigen. Die optimale Temperatur der Weste beträgt 5–10°C, Kühldauer 30 – 40 min. Aus dem heutigen Stand der Forschung lässt sich ableiten: Coolingmaßnahmen sind – unter der Voraussetzung, dass der Kältemediator und das Kälteapplikationstiming entsprechend differenziert auf die Sportart-/ Disziplinspezifik, die klimatischen Umgebungsbedingungen etc. abgestimmt werden – wärmstens zu empfehlen.

Stichwörter:
Kältetherapie, precooling

Ausgabe MSN 6 / 2009

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 6 / 2009.
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