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MedicalSportsNetwork unterwegs bei Fenerbahçe Istanbul

MedicalSportsNetwork unterwegs bei Fenerbahçe Istanbul

Der Dirigent vom Bosporus

Ich lausche Istanbul, die Augen geschlossen.
Erst weht ein leichter Wind,
ganz leise bewegen sich die Blätter an den Bäumen;
weit, ganz weit in der Ferne
das unaufhörliche Klingeln der Wasserverkäufer.
Ich lausche Istanbul, die Augen geschlossen.

Wer schon einmal selbst in Istanbul war, wird in den Zeilen des türkischen Lyrikers Orhan Veli die eine Seite der Metropole am Bosporus wiedererkennen. Die mystische, lauschende und geheimnisvolle Stadt mit ihrer über 2600 Jahre alten Geschichte. Dass es bei knapp 13 Millionen Einwohnern nicht immer besinnlich zugeht, sollte niemanden verwundern. In den Straßen und Gassen, vor den Moscheen und in den Basaren herrscht dynamisches Treiben. Längst ist das ehemalige Konstantinopel eine weltoffene und moderne Kulturmetropole geworden, die Orient und Okzident auf eindrucksvolle Art und Weise verbindet.

Einen wichtigen Platz in der türkischen Kultur nimmt der Fußball als Nationalsportart Nummer 1 ein. In der Süper Lig, der höchsten Spielklasse im türkischen Fußball, spielen mit Fenerbahçe, Galatasaray, Be?ikta? und Istanbul BB vier Istanbuler Teams. Die Fußballverrücktheit der Fans und der hohe Stellenwert des Fußballs in Medien und Gesellschaft haben dazu geführt, dass sich die Süper Lig zu einer der großen europäischen Ligen entwickelt hat. Den größten Erfolg auf internationaler Ebene feierte Galatasaray, die in der Saison 1999 / 2000 den UEFAPokal gewinnen konnten. Die meisten nationalen Erfolge verbucht der auf der asiatischen Seite beheimatete Verein Fenerbahçe Istanbul, der insgesamt 18mal türkischer Meister wurde und international in der Saison 2007 / 08 in das Championsleague Viertelfinale vorstieß. Seit knapp drei Jahren arbeitet dort als Teamarzt ein Mediziner, der in Deutschland aufgewachsen ist,Dr. Ertu?rul Karanlik. Wir von MedicalSportsNetwork nahmen das zum Anlass, den Mediziner vor Ort zu besuchen und sich die medizinische Abteilung sowie das Umfeld des türkischen Rekordmeisters anzuschauen.

Was will „der Deutsche“ hier?

Einfach hatte es Dr. Karanlik, der zuvor in Deutschland, England, Neuseeland und Dubai arbeitete, nicht, als er 2009 an den Bosporus zog. Mit seiner deutschen Arbeitsauffassung und Art eckte er anfangs durchaus an. Außerdem entsprach er schon rein optisch nicht dem typischen Bild eines Arztes in der Türkei. „Am Anfang musste ich einige Hindernisse überqueren und mich hier erst einmal beweisen. Einige Prüfungen, die ich hier ablegen musste, verliefen nicht ganz fair, aber ich habe durchgehalten und die Probleme gelöst. Mit jedem Tag wurden die Kritiker weniger. Mittlerweile habe ich mir einen Namen gemacht, auch weil ich bin, wie ich bin und mich in kein Schema zwängen lasse“, beschreibt er die ersten Monate. Schon alleine der Weg in den Leistungssport, der den schon immer Fußball begeisterten nach Istanbul führte, war alles andere als einfach. Als Teamarzt einer türkischen Mannschaft in Köln lernte er bei einem Freundschaftsspiel gegen Fenerbahçe Istanbul 2005 den damaligen Trainer Christoph Daum kennen. „Man kann so etwas nicht erzwingen, ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Christoph Daum lud mich nach Istanbul ein, er wollte viel über meine Arbeitsweise wissen und wir stimmten in vielen Punkten überein“, so Karanlik. Es dauerte ein weiteres halbes Jahr, bis Daum ihn ins Trainingslager nach Antalya einlud. Der deutsche Trainer wollte auch im medizinischen Bereich ein deutsches System aufbauen und fand in Dr. Karanlik die perfekte Besetzung. Als alles schon geklärt schien und er im Juli 2006 zur neuen Saison bei Fenerbahçe anfangen sollte, wurde Daum am letzten Spieltag gefeuert. Karanliks Weg führte vorerst nicht an den Bosporus, sondern nach Neuseeland und Dubai. Zweieinhalb Jahre später kehrte Daum vom 1.FC Köln zurück zu Fenerbahçe Istanbul, nun stand dem ngagement Karanliks nichts mehr im Weg.

Ein perfektes Orchester – die medizinische Versorgung

In den darauffolgenden Wochen begann der Arzt, die medizinische Versorgung im Verein weiter zu professionalisieren. „Mein Vorteil ist, dass in meiner Brust zwei Herzen schlagen. Zum einen arbeite ich wie ein Deutscher, habe das Fachwissen und den deutschen Perfektionismus: Gut ist nicht genug, es muss perfekt sein. Lob ist nicht notwendig, stattdessen ist Kritik wichtig, denn nur das macht einen besser. Auf der anderen Seite habe ich die emotionale Seite eines Türken, weiß, wie die Spieler fühlen und kann dementsprechend auch handeln. Ich denke, dass es eine gute Mischung ist, die mit dazu beigetragen hat, dass ich mich hier etablieren konnte.“ Und der Erfolg seiner Arbeit gibt ihm Recht. Für Karanlik ging es schon immer um den Menschen als Ganzes und nicht nur um ein Gelenk oder eine Verletzung. Für sein Selbstverständnis gibt er sich selbst daher auch weitere Aufgaben: „Vertrauen zwischen Sportler und Arzt ist das A und O. Man muss die Sprache der Spieler verstehen und sprechen. Wichtig ist, dass wir den Spielern etwas Positives geben, physisch und psychisch. Nur weil man Arzt ist, muss man den Spielern keine Horrormeldungen mitteilen oder in Schwarzmalerei verfallen. Man muss sie aufbauen und klare Diagnosen erstellen.“ Im Profisport muss immer schnell gehandelt werden, das erwarten Verein und Spieler. Hier liegt ein gravierender Unterschied zur „normalen“ medizinischen Betreuung. Während ein Leistungssportler möglichst schnell wieder fit werden muss, jeder Ausfalltag kostet allen Beteiligten Geld, jedes Fehlen eines Leistungsträgers mindert die Erfolgschancen des Teams, kann bei einem „normalen“ Patienten auch mal abgewartet werden. „Manchmal ist ein Abwarten ausreichend. Man schickt einen Patienten nachhause und schaut ihn sich eine Woche später wieder an. Und siehe da, der Heilungsprozess ist gut vorangeschritten. Mit einem Fußballprofi kann man das nicht machen, da muss sofort mit viel Aufwand agiert werden. Das ist wichtig zu wissen, wenn man in der Leistungssportmedizin tätig ist“, so Karanlik. Dass dabei oft zu viele Nicht-Mediziner mitreden wollen, ist ein ernsthaftes Problem. „Seien wir doch mal ehrlich, es wimmelt nur so von „Halbärzten“, etwa Verwandten und Freunden der Spieler, die alles besser wissen. Vor allem in der Betreuung von Leistungssportlern möchte jeder seinen Senf dazu abgeben“, kritisiert der Teamarzt. Dabei war ihm eines von Anfang an in Istanbul wichtig: „Ich spreche immer vom ‚Wir‘, aber im Endeffekt stehe ich in der Verantwortung und muss letztendlich entscheiden. Ich bin der Dirigent und habe bei Fenerbahçe ein starkes Orchester, auf das ich mich zu 100 % verlassen kann. Das geht von den Therapeuten über die Masseure bis hin zum Trainerstab und zu den Köchen.“

Professionelles Umfeld – mehr als ein Arzt

Als Dirigent nimmt Karanlik seine Arbeit ernst und baute in seinem Verein sofort neue Strukturen auf. Neben hochmodernen Geräten wie dem AlterG findet man innovative Therapie- und Diagnostikgeräte, optimale Räumlichkeiten und perfekte Trainingsbedingungen. Trotzdem denkt Karanlik noch einen Schritt weiter: „Der Aufbau eines neuen und eigenständigen medizinischen Zentrums ist ein Ziel, das ich hier noch verwirklichen möchte. Wir haben im medizinischen Bereich in den letzten drei Jahren schon eine Menge erreicht, aber es ist noch nicht genug. Sie wissen schon, meine deutsche Seite, es muss immer noch ein bisschen besser werden, ich will das medizinische Umfeld hier perfektionieren.“ Hierbei geht es nicht nur um Geräte, auch die Hände kommen ins Spiel. Karanlik ist auch Chirotherapeut und schwört als Ergänzung darauf. „Man muss als Arzt nicht alles anbieten, aber das, was man anbietet, muss man auch beherrschen. Alles, was man tut, sollte man nur deshalb tun, damit man dem Patienten hilft“, beschreibt er seine Philosophie. Dabei scheut er sich auch nicht davor, Kollegen zu fragen. Auch das ist nicht unbedingt typisch, für Karanlik jedoch äußerst wichtig: „Man sollte nie leichtsinnig werden, sondern seine Arbeit immer zu 100 % machen. Ein kleiner Fehler kann alles kaputtmachen, weshalb solch ein Risiko eingehen und nicht lieber auch mal Kollegen fragen, wenn man sich nicht ganz sicher ist? Das hat nichts mit Schwäche zu tun, wie oft angenommen wird. Ganz im Gegenteil, das hat etwas mit Stärke zu tun.“ Wenn nach der ersten Therapiebehandlung keine Besserung eintritt, wird diese Behandlung bei dem Patienten nicht zum zweiten Mal angewandt. Und wenn der Sportler operiert werden muss, wird er zu internationalen Spezialisten geschickt. Dafür hat Karanlik in den letzten Monaten ein starkes Netzwerk in ganz Europa aufgebaut wie z.B. Dr. Ludwig Seeburger aus München, Prof. Dr. Peter Habermeyer aus Heidelberg oder auch Dr.Lukas Weisskopf aus Basel. Auch das gehört für ihn in den Aufgabenbereich eines modernen Teamarztes. Und was noch? „Nachdenken, nachdenken, nachdenken. Egal, um was es geht. Wir haben doch alle unseren gesunden Menschenverstand, wir müssen ihn nur einsetzen. Jede Therapie muss z.B. immer individuell gestaltet werden, das ist doch logisch. Wir behandeln schließlich keine Maschinen, sondern Menschen. Wir müssen den Menschen als Ganzes betrachten. Dazu gehören auch die Ernährung und psychologische Aspekte. Ja, manchmal muss man dem Spieler gegenüber Seelsorger sein, manchmal muss man ihm aber auch ehrlich die Augen öffnen. Der Spieler muss das Gefühl haben, dass man sich ganz besonders um ihn gekümmert hat, dann ist man auf einem guten Weg. Wir müssen viel mehr mit unseren Patienten sprechen, dann erfahren wir viel mehr über seine Verletzung, als wenn wir nur auf Befunde und Geräte schauen. Ein Spieler, um den ich mich nach einer schweren Verletzung gekümmert habe, fragte mich nach seiner Genesung, was er mir Gutes tun könnte. Er sei so froh, dass alles gut verlief und er nun wieder spielen könne. Ich sagte ihm, wenn Du mir etwas Gutes tun willst, dann stehe auf dem Platz und jubele mit mir zusammen, wenn Du ein Tor geschossen hast.“ Vielleicht sind es genau solche Gedanken, die ein Teamarzt in den stürmischen Zeiten des Profifußballs haben muss, um seiner eigenen Philosophie treu bleiben zu können.

Foto: © Masiar Sabok Sir / Dipl. Sportwiss. Robert Erbeldinger

MSN 1 / 2012

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe MSN 1 / 2012.
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