Health Apps
Segen oder Fluch für das Gesundheitswesen?
Health Apps, also kleine Softwareprogramme (Applikationen), die einfach und schnell auf ein Smartphone oder einen Tablet Computer heruntergeladen und installiert werden können, sind in aller Munde. Die Anzahl der verfügbaren Health Apps steigt in rasantem Tempo und ihre wachsende ökonomische Bedeutung wird durch Studien (z. B. vom IT-Branchenverband BITKOM oder dem Institut für Arbeit und Technik IAT) und Workshops zum gleichnamigen Thema unterstrichen.
Man kann den Eindruck gewinnen, dass Health Apps der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme des Informationszugangs und Austauschs im deutschen Gesundheitswesen sein können. Aber: Was können diese kleinen Helfer eigentlich wirklich und was nicht? Welche Zielgruppe wird adressiert? Wie sicher sind sie im Umgang mit sensiblen und schützenswürdigen medizinischen Daten? Wo wird der Weg in Zukunft möglicherweise hinführen?
Den Startpunkt für den Siegeszug von Apps verschiedenster Art stellt unumstritten die Einführung von Apples iPhone im Jahr 2007 dar. Das iPhone revolutionierte den Smartphone-Markt im Hinblick auf Bedienerfreundlichkeit, Design und integrierte Funktionalität. Smartphones mit Touchdisplay und insbesondere die deutlich größeren Tablet Computer (iPad, Samsung Galaxy Tab etc.) entwickeln sich zunehmend zu Konkurrenten von Laptops und auch PCs. Sehr kurze Startzeiten der Geräte, einfache Bedienung über Multi-Touch- Oberflächen und insbesondere der einfache und schnelle Download von mobilen Applikationen machen diese Geräte zu einer ernsthaften Alternative. Gerade auch im medizinischen Umfeld hat die Verbreitung von iPhone und vergleichbaren Geräten im privaten Nutzungsumfeld einen Nachfragesog nach mobilen Anwendungen für den professionellen Einsatz erzeugt.
Der Download von Apps erfolgt in der Regel über einen so genannten „App-Store“. Im App-Store werden Applikationen verschiedenster Kategorien zum direkten Download auf das mobile Endgerät angeboten. Diese Plattformen werden von unterschiedlichen Herstellern und für unterschiedliche Plattformen betrieben (z. B. Apple‘s App- Store, BlackBerry‘s App World oder den Android Market). Grundsätzlich muss dabei zunächst zwischen Apps für den Privatnutzer und Apps für den professionellen Anwender (Mediziner, Therapeut, Trainer etc.) unterschieden werden. Die inhaltliche Bandbreite ist dabei sehr groß. Health Apps dienen der Informationssuche (z.B. Arztsuche, Gesundheitslexika, ICD-10, Rote Liste), der Dokumentation (z.B. Tagebücher für verschiedene Gesundheitsparameter wie etwa Blutdruck, Blutzucker, eingenommene Medikamente, Ernährung oder sportliche Aktivitäten) sowie der Diagnose- oder Therapieunterstützung (beispielsweise in den Bereichen Psychotherapien, Hauterkrankungen, Ergotherapie). Laut einer Meldung auf MobiHealthNews vom November 2010 werden allein auf den drei genannten Marktplätzen knapp 9.000 Health Apps zu Download angeboten. Die Tendenz ist stark ansteigend.
Wo wird die Reise hingehen?*
Wird in fünf bis zehn Jahren jede Privatperson und auch jeder Arzt, jeder Therapeut viele Dutzend Einzel-Apps auf seinem Smartphone installiert haben? Ist dies überhaupt erstrebenswert? Letztendlich repräsentieren Apps in der Regel einzelne Funktionen (z.B. Protokollierung von Blutzuckerwerten, Ernährungstipps für Diabetiker, Streckenaufzeichnung des Lauftrainings etc.). Kein Anwender würde es für erstrebenswert halten, für die einzelnen Funktionen, die bspw. eine Textverarbeitung bietet (Drucken, Formatierung, Rechtschreibeprüfung, Thesaurus etc.), jeweils einzelne Apps herunterzuladen und diese nacheinander aufzurufen. D.h., es wird sich künftig die Frage nach integrierenden Benutzeroberflächen stellen. Auch die Frage der Datenhaltung ist zu klären. Derzeit erfolgt die Speicherung nutzer- bzw. patientenbezogener Daten in isolierten Datenbeständen entweder auf dem Smartphone oder einem Server des Diensteanbieters. So würde bspw. ein Nutzer mit chronischem Bluthochdruck seine Blutdruckwerte in einem Blutdrucktagebuch speichern und Werte wie sein Streckenprofil und die zugehörigen Trainingsdaten seiner Lieblingslaufstrecke, die von ihm genutzten Ernährungstipps und von ihm durchgeführte Entspannungsübungen wiederum in einem anderen Datenbestand. Diese Entwicklung ist kontraproduktiv, denn erst anhand aller Daten lässt sich ein Gesamtbild des Patienten und seines Umgangs mit der Erkrankung aufzeigen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Thema des Datenschutzes und der Datensicherheit. Die einfache Handhabung von Health Apps kann zum sehr sorglosen Umgang mit den eigenen teilweise sehr „schützenswerten“ Gesundheitsdaten verleiten. Was passiert z.B. mit den Daten, wenn das Smartphone verloren geht oder gestohlen wird? Was geschieht mit den Daten beim Diensteanbieter?
Während im Umfeld der Gesundheitskarte und elektronischen Patientenakten heute schon sehr intensiv über Datenschutz und Datensicherheitsanforderungen nachgedacht wird – und genau dieses Nachdenken auch gefordert wird –, scheint die Hemmschwelle, sensible Daten preiszugeben, bei Apps quasi ausgehebelt zu werden.
Fazit
Health Apps werden die Akzeptanz der mobilen Nutzung des Internets zur Information, Kommunikation und Speicherung von gesundheitsbezogenen Daten deutlich voranbringen. Sie werden darüber hinaus dazu beitragen, dass die Grenzen zwischen 1. Gesundheitsmarkt (ambulante und stationäre Patientenversorgung) und 2. Gesundheitsmarkt (Wellness, Selfness, Fitness etc.) weiter verwischen werden. Ob dies in Zukunft jedoch insbesondere im professionellen Bereich in Form einer Vielzahl von Einzelapplikationen oder doch eher in größeren integrierten Softwarepakten mit einer sicheren mobilen Zugriffsoption geschieht, wird sich zeigen.
oliver.koch@isst.fraunhofer.de
|