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MSN-3-2011
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Gesundheitliche Risiken im Spitzensport
Gesundheitliche Risiken im SpitzensportKann Spitzensport gesund sein?Dass Gesundheit eine hohe Bedeutung für den leistungssportlichen Erfolg hat, ist allgemein bekannt. Spitzensportler und ihr Umfeld stehen allerdings vor einem Dilemma: Um die letzten physischen und psychischen Reserven für den entscheidenden Vorteil zu mobilisieren, sind in Training und Wettkampf ganz bewusst gesundheitliche Risiken einzugehen. Mittlerweile geraten die Nebeneffekte dieser Gratwanderung immer häufiger in den Fokus der Öffentlichkeit. Es gibt immer mehr Athleten, die sich öffentlich zum Missbrauch von Schmerzmedikamenten, zu Burnout-Zuständen aufgrund des hohen Leistungsdrucks oder gar zu Schwerbehinderungen nach Karriereende äußern. Doch sind diese Athleten repräsentativ für den gesamten Spitzensport? Wie steht es um die Gesundheit der Spitzensportler eigentlich? Und wie wird mit Gesundheit im Kontext des Spitzensports umgegangen? Zur Beantwortung dieser Fragen führten wir eine vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft finanzierte Studie durch [1]. Dabei wurden zum einen 723 erwachsene Spitzensportler aus den Sportarten Handball und Leichtathletik per Fragebogen zu gesundheitsbezogenen Einstellungen, zum Gesundheitsverhalten und zum Gesundheitsstatus befragt. Um Informationen über Verletzungskarrieren sowie den Umgang mit Gesundheit im Umfeld der Athleten zu erhalten, realisierten wir zum anderen 42 qualitative Interviews mit Athleten, Trainern, Ärzten, Physiotherapeuten und Funktionären. Was bedeutet Gesundheit für den Athleten? Ohne Verletzungen – so ein erwarteter Befund – kommt man nicht durch eine Spitzensportkarriere. Und je länger die Karriere dauert, desto wahrscheinlicher wird es, dass Verletzungen einen langwierigen Verlauf nehmen. Spitzensportlern ist dies durchaus bewusst und sie nehmen es stillschweigend in Kauf. Doch trotz aller Belastungen schätzt sich der Großteil der Athleten insgesamt gesehen als sehr gesund ein. Auch die Lebenszufriedenheit, das subjektive Wohlbefinden und der Kohärenzsinn – also das Gefühl, das Leben sei verstehbar, sinnhaft und handhabbar – sind im Vergleich zur Normalpopulation relativ hoch. Und so paradox es klingt: Schmerzen, leichte Blessuren oder gar leichtes Fieber bedeuten für den Athleten keinesfalls zwangsläufig, dass er sich nicht mehr gesund fühlt. Auf eine einfache Formel gebracht: Gesund ist man im Spitzensport so lange, wie man ohne gravierende körperliche Beeinträchtigungen trainieren und Wettkämpfe bestreiten kann – oder im Extremfall so lange, wie man mit Schmerzmitteln das Problem unterdrücken kann. Denn im Spitzensport bedeutet Gesundheit vor allem sportliche Funktionsfähigkeit. Und dabei zählt vor allem das Hier und Jetzt. Spitzenathleten sind – so zeigen unsere Untersuchungsergebnisse – so stark auf den aktuellen sportlichen Erfolg fokussiert, dass die langfristige, gesundheitsbezogene Lebensperspektive zumindest teilweise aus dem Blickfeld gerät. Zwar lehnten bei unserer Befragung die meisten Athleten die Pille ab, die sicher den Olympiasieg garantiert, deren Einnahme aber 10 Jahre später zum Tode führt. Doch gleichzeitig gab fast ein Viertel der Befragten zu, dass sie für einen Weltmeistertitel eine Lebensverkürzung von 30 Jahren in Kauf nehmen würden, anstatt mit mittelmäßigen Leistungen 90 Jahre alt zu werden. Und für ein weiteres Viertel war diese Vorstellung zumindest nicht abwegig. Die Kultur des Risikos im Spitzensport Spitzensportler leben in einer Kultur des Risikos. Am offensichtlichsten drückt sich dies im so genannten „Playing hurt“ aus: Wettkämpfe werden trotz Verletzungen bestritten. Das Risiko der Verschlechterung von Beschwerdebildern, die Nebenwirkungen von Medikamenten und die Gefahr einer langfristigen körperlichen Schädigung werden dabei verdrängt und Schmerzen bagatellisiert. Der amerikanische Sportsoziologe Howard Nixon beobachte bereits in den 1990er-Jahren, dass diese Kultur des Risikos nicht nur das Handeln der Athleten, sondern auch der Trainer und medizinischen Betreuer prägt. Im Spitzensport gibt es eine stillschweigende Übereinkunft der Umfeldakteure darüber, wie angemessen mit Schmerzen und Verletzungen umzugehen ist: Im Vordergrund steht das Fitmachen für den Wettkampf. Die Rolle der Ärzte und Physiotherapeuten ist im Alltagsbetrieb des Spitzensports auf das „Reparieren“ von körperlichen Beeinträchtigungen beschränkt. Das therapeutische Handeln bewegt sich dabei nicht selten an der Grenze des beruflichen Ethos, denn es wird dominiert von sportlicher Erfolgsorientierung. Sportler und Trainer messen den Erfolg der medizinischen Behandlung weniger daran, ob ein Athlet tatsächlich dauerhaft von einer Verletzung oder Krankheit geheilt wird. Die Arbeit des Arztes oder Physiotherapeuten wird – insbesondere vor sportlichen Großereignissen und in wichtigen Saisonphasen – vielmehr dann als gut bezeichnet, wenn es gelingt, angeschlagene Spitzenathleten möglichst schnell wieder einsatzfähig zu machen. Athleten erweisen sich hier oft als sehr ungeduldig. Wird das Fitmachen verweigert, dann suchen sie – insbesondere in Einzelsportarten – durchaus auch mehrere andere Ärzte auf, bis einer Heilung verspricht. Ein solches „Ärzte-Hopping“ geschieht – wie unsere biografischen Interviews zeigten [2] – oft ohne Wissen der Trainer und betreuenden Sportmediziner. Dabei sind die Strukturen der medizinischen Betreuung im deutschen Spitzensport in Teilen weit entwickelt. Die medizinische (Erst-)Versorgung durch Ärzte und Physiotherapeuten ist ausgezeichnet und auch die Betreuung der Athleten im Training oder während Verletzungsphasen ist in vielen Fällen professionell organisiert. Doch zur Minimierung von Risikofolgen in Form von Überlastungsschäden oder einer Chronifizierung von Beschwerden gibt es nur an wenigen Standorten differenzierte Programme. Und während auf Ernährung, präventives Krafttraining und adäquates Aufwärmen sorgsam geachtet wird, bleibt für die Bearbeitung psychosozialer Probleme nur wenig Zeit. Doch die gibt es durchaus. Übertrainings- oder Burnout-Symptome sind mit Sicherheit keine Alltagsphänomene; dennoch überrascht die Häufigkeit solcher Beschwerden. Mehr als drei Viertel der von uns befragten Athleten berichten von gelegentlicher extremer Müdigkeit. Mehr als drei Viertel geben an, gelegentlich an Kraftlosigkeit oder an einem Gefühl des „Ausgebranntseins“ zu leiden, wenn dies auch nur bei jedem Zwanzigsten täglich der Fall ist. Gelegentliche Schlafstörungen haben mehr als die Hälfte und auch depressive Verstimmungen oder Unglücklichsein sind keine Ausnahmeerscheinungen – mehr als ein Fünftel leidet mindestens einmal pro Monat darunter. Der Kreis von Athleten mit Hinweisen auf eine ausgeprägte Burnout-Symptomatik ist insgesamt gesehen relativ klein. Doch burnout-gefährdet sind nicht wenige. Eigentlich sind Spitzensportler im Grunde extrem stressresistente und intrinsisch motivierte Personen, die sehr hart im Nehmen sind. Doch die Anforderungen des Spitzensports führen die Athleten nicht selten auch an ihre Grenzen. Wie gut solche Grenzbelastungen bewältigt werden, liegt auch an den Betreuungsstrukturen vor Ort. Und diese sind im Spitzensport durchaus noch ausbaufähig. Fazit Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Kann Spitzensport gesund sein? Es kommt auf die Perspektive an. Dass der Spitzensport aber nicht (zu) ungesund wird, ist eine umfassende gesundheitsbezogene Betreuung der Spitzenathleten notwendig. Die muss übrigens bereits im Nachwuchsbereich ansetzen. Das ist vielen Verbänden durchaus bewusst. Vor diesem Hintergrund wird derzeit vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen gemeinsam mit der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Tübingen sowie dem Mannheimer Institut für Public Health ein großes, vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft finanziertes Forschungsprojekt zum Umgang mit Gesundheit im olympischen Nachwuchsleistungssport durchgeführt [3].
Literatur: |
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