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Leichtathletik - Interview mit Oscar Pistorius

The Blade Runner

Der südafrikanische Leichtathlet Oscar Pistorius gewann schon mehrfach Gold bei Paralympischen Spielen und schaffte es außerdem, sich trotz seiner Beinprothesen für die Leichtathletikweltmeisterschaft 2011 in Daegu zu qualifizieren, wo er das Halbfinale über die 400 Meter erreichte. Als Teil der 4x400-Staffel gelang ihm sogar ein neuer südafrikanischer Landesrekord. Wir sprachen exklusiv mit dem „schnellsten Mann ohne Beine“.

Oscar Pistorius, können Sie uns das Gefühl beschreiben, als Sie sich am 19. Juli 2011 mit einer Zeit von 45,07 Sekunden im 400m-Lauf für die Leichtathletik-WM 2011 in Daegu qualifizierten?

Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich merkte, dass ich die Qualifizierung geschafft hatte. Ich war so aufgeregt, dass ich alle um mich herum umarmte und schließlich das Gleichgewicht verlor und hinfiel. Ich bin jedes Mal sehr stolz, und es ist mir eine große Ehre, Südafrika zu vertreten. Und dies in Daegu erleben zu können, war schon etwas ganz Besonderes.

Aufgrund eines genetischen Defekts fehlen Ihnen von Geburt an beide Wadenbeine. Können Sie uns etwas über Ihre damalige Behandlung und auch über die J-förmigen Karbon-Prothesen erzählen, die speziell für Sie angefertigt wurden?

Meine Beine wurden amputiert, als ich 11 Monate alt war, daher habe ich nie etwas anderes gekannt. Sechs Monate später bekam ich meine ersten Prothesen; ich habe eigentlich nie zurückgeblickt. Meine Laufprothesen werden von dem isländischen Unternehmen Ossur hergestellt, das nicht nur für mich, sondern auch für einige der besten Athleten der Paralympischen Spiele Prothesen anfertigt. Ich laufe nun schon seit 2004 mit denselben Flex-Foot Cheetahs.

Verschaffen Ihnen diese J-förmigen Karbon-Prothesen Ihrer Ansicht nach einen Vorteil oder eher einen Nachteil gegenüber anderen Athleten?

Für mich ist das ganz einfach, der Internationale Sportgerichtshof entschied im Mai 2008, dass ich nicht nur Vorteile gegenüber anderen Athleten hätte und dass ich gegen andere Athleten antreten könne.

Wie kamen Sie denn dazu, Ihren Sport zu treiben? Was fasziniert Sie so an der Leichtathletik, insbesondere dem Sprinten?

Ich habe schon seit meiner Kindheit Leistungssport wie Rugby, Wasserball, Boxen, Ringen und später Leichtathletik getrieben. Vor allem meine Großeltern haben mich ermutigt, sie brachten mir bei, dass man alles im Leben erreichen kann, was man wirklich will. Mit 16 verletzte ich mein Knie beim Rugbyspielen und begann als Teil meiner Reha mit dem Lauftraining. Der Rest ist, wie man sagt, Geschichte.

Müssen Sie beim Training bestimmte Besonderheiten beachten oder gibt es etwas, das Sie von anderen Läufern unterscheidet?

Beim Laufen mit Prothesen sieht mein Trainingsprogramm manchmal etwas anders aus als bei anderen Athleten, aber jeder Sportler bereitet sich auf seine eigene Weise vor und meine Trainingsgruppe besteht überwiegend aus nichtbehinderten Athleten. Wenn ich zu lange auf meinen Laufprothesen trainiere, bekomme ich manchmal Blasen und wunde Stellen an meinen Beinen, dann muss ich mein Training entsprechend ändern und mich mehr aufs Krafttraining konzentrieren.

Sie gewannen bei den Paralympischen Spielen mehrfach die Goldmedaille. Im Jahr 2008 wollten Sie an den Olympischen Sommerspielen in Peking teilnehmen, wurden aber wegen eines unvollständigen Gutachtens zunächst nicht zugelassen. Was dachten Sie in solch einem Moment?

Als der ursprüngliche Bericht des Internationalen Leichtathletikverbandes IAAF veröffentlicht wurde, war ich mit der Entscheidung nicht einverstanden und focht sie in einer Anhörung vor dem Internationalen Sportgerichtshof an. Es war ein großartiges Gefühl, als der Gerichtshof entschied, dass ich nicht nur Vorteile hätte und startberechtigt wäre und ich weiß, dass ich unter gleichen Wettbewerbsbedingungen durchaus mithalten kann. Aber durch die ganze Sache war mein Trainingsplan durcheinandergeraten und ich konnte mich nicht richtig auf mein Training für Peking konzentrieren. Die Paralympischen Spiele in Peking waren ein großartiges Erlebnis, drei Goldmedaillen zu gewinnen war der absolute Höhepunkt für mich in diesem Jahr. Ich war schon immer stolz darauf, an den Paralympischen Spielen teilzunehmen und werde es auch immer sein.

Aufgrund der verkürzten Vorbereitungszeit verfehlten Sie die Qualifikation für Peking. Bei den Leichtathletik-WM 2011 erfüllten sich Ihre Träume schließlich und Sie erreichten das Halbfinale. Was fehlte zum Finale? Mit Ihrer Bestzeit hätten Sie mindestens den 5. Platz erreicht.

Ich ging nach Daegu mit dem Ziel, eine Zeit um 45,50 Sekunden zu laufen und eine konstante Leistung zu erbringen. Als ich dann in der Hitze 45,39 lief und mich für das Halbfinale qualifizierte, war ich sehr glücklich. Es war die zweitschnellste Zeit, die ich bisher gelaufen bin, und das bei einer Weltmeisterschaft zu erreichen, macht es für mich noch bedeutsamer. Ich war über meine Zeit im Halbfinale sehr enttäuscht, aber es war eine lehrreiche Erfahrung für mich, die mir bei der Vorbereitung für zukünftige Wettkämpfe sicherlich helfen wird. Es erfüllte mich auch mit großem Stolz, im südafrikanischen Team der 4x400m-Staffel zu sein, das bei dieser Hitze neuen Landesrekord lief.

Nächstes Jahr werden die Olympischen Spiele in London stattfinden. Mit Oscar Pistorius?

Das ist mein oberstes Ziel, aber ich bin mir durchaus bewusst, dass es eine große Herausforderung sein wird, sich für London 2012 zu qualifizieren. Ich wollte schon immer gegen die besten Athleten in den besten Wettkämpfen antreten, und es gibt kein größeres Ereignis als die Olympischen Spiele. Es wird großartig sein, Südafrika bei den Olympischen Spielen und den Paralympischen Spielen zu vertreten, aber bis dahin liegt noch ein strenges Trainingsprogramm vor mir.

Wir wünschen Ihnen dafür viel Erfolg und bedanken uns für das Gespräch!

Foto: © www.oscarpistorius.com

MSN 6 / 2011

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe MSN 6 / 2011.
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