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Dehnst du noch ?

Dehnst du noch ?

Fakten und Mythen

Das Dehnen des Muskel-Gelenk-Apparates ist in letzter Zeit immer häufiger in der Diskussion. Besonders im Bezug auf statische Dehntechniken ist die Fachwelt sich hinsichtlich der Effekte uneins. Um hier sinnvolle Aussagen zu treffen und Fakten von Mythen unterscheiden zu können, müssen erst einige Überlegungen angestellt werden.

Zum einen stellt sich die Frage, was limitiert die Beweglichkeit eines Menschen? „Ein verkürzter Muskel“, werden viele antworten. Aber ist dies wirklich zutreffend?
Die Beweglichkeit des Einzelnen spiegelt immer sein Bewegungsverhalten im Alltag, aber auch im Sport wider. Ein Informatiker wird also mit hoher Wahrscheinlichkeit weniger beweglich sein als ein Ballett-Tänzer. Die Ursache ist jedoch nicht seine Muskulatur, denn diese hat in Ruhe bis auf pathologische Ausnahmen (z. B. Kontraktur) immer die gleiche Länge. Verantwortlich für die Beweglichkeit ist an erster Stelle das Nervensystem. Vereinfacht ausgedrückt lässt es nur soviel mechanische Dehnungsspannung zu, wie es bereits kennt. Kommt es zu ungewohnt großen Dehnungsweiten, so werden Botenstoffe wie z. B. Serotonin und Histamin ausgeschüttet, welche eine Schmerzsensation bewirken. Diese zeigt der Person an, sich im Grenzbereich der individuell bekannten Bewegungsweite zu befinden. Durch ein adäquates Beweglichkeitstraining kann diese gefühlte Bewegungsgrenze verschoben werden. Ein weiteres Limit ist der individuelle anatomische Aufbau des Gelenks und die Elastizität des Bindegewebes. Nicht zu unterschätzen ist auch die Gegenspannung des oder der jeweiligen Antagonisten.
Können der Muskel bzw. seine Anteile überhaupt durch dehnen länger werden? Neuere Studien, besonders durch die Arbeitsgruppe um WIEMANN, belegen lediglich eine Verbesserung der Beweglichkeit durch ein ausreichend intensiv durchgeführtes Dehnungstraining. Die Muskellänge hingegen kann signifikant nicht verändert werden, da die meisten Anteile der Muskulatur nicht elastisch sind. Es konnte gezeigt werden, dass der Muskel selbst sich nicht dehnen, sondern nur unter Spannung verformen lässt. Allerdings zeigen Dehnungsversuche bei Mäusen (Williams/Goldspink, 1973), dass sich die Anzahl der Sarkomere erhöht, wenn ein Muskel in gedehnter Position über längere Zeit eingegipst ist. Diese bilden sich jedoch nach Abnahme des Gipsverbands wieder zurück.

Zahlreiche Autoren (z. B. Jöllenbeck, Klee, Zahnd) stehen besonders den Effekten von statischem Dehnen kritisch gegenüber. Studien (z. B. Wydra, 1997) zeigen mehr Nach- als Vorteile bei dieser Dehnvariante (Verstärkung von Muskelkater, Erhöhung der Reflexaktivität etc.). Besonders bei Leistungssportarten, die ein hohes Maß an Beweglichkeit fordern, tendiert man eher zu dynamischen Dehnungsvarianten (intermittierendes Dehnen).

Eine neuere und bisher nur wenig erforschte Dehnungsvariante ist das Dehnen unter Vibrationseinfluss. Hier werden mechanische Schwingungen mittels eines Vibrationsgerätes in die Muskulatur geleitet. Goebel (Diss., 2006) konnte hier eine Überlegenheit im Vergleich zum statischen Dehnen nachweisen. Die Ursachen hierfür werden zum einen darin vermutet, dass die durchblutungsfördernde Wirkung den Abtransport der oben beschriebenen Schmerzbotenstoffe begünstigt. Zum anderen könnte der Massageeffekt entspannend auf die Muskulatur wirken. Wichtig für die Trainingssteuerung ist hier besonders die geeignete Frequenz. Cardinale/Lim (2003) zeigten, dass eher niedere Frequenzen zu einer Verbesserung der Beweglichkeit führen (13,5 %), während höhere Hertzzahlen tendenziell eher eine Verschlechterung bewirken.
Welche Schlussfolgerungen können aus den Daten gezogen werden? Zum einen sollte Leistungssportlern ein länger anhaltendes statisches Dehnen vor der Wettkampfbelastung nicht empfohlen werden. Zum anderen ist ein Vorbeugen oder Therapieren von Muskelkater mit dieser Dehnungsvariante wohl nicht zu erzielen. Allerdings sollte man vorsichtig sein und aufgrund der Datenlage zu einer Methode das Dehnen per se als unwirksam deklarieren. Beweglichkeit ist und bleibt ein wichtiger Teilbereich der motorischen Leistungsfähigkeit und muss durch ein geeignetes Training gefördert oder erhalten werden.

Marco Beutler

Lesen Sie hier noch mehr Fachbeiträge von Marco Beutler:

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/4164

MSN 5 / 2008

Diese Artikel wurden veröffentlicht in Ausgabe MSN 5 / 2008.
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