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Laufen - Interview mit Harald Steindor

Laufen - Interview mit Harald Steindor

Wo drückt der Schuh?

Was sind für Sie die drei wichstigsten Veränderungen der letzten Jahre?

Das sind ganz klar der Trend zum Weglassen der Stütze, die Offerten zu niedrigeren Zwischensohlenniveaus und die deutlich verbesserten Zwischensohlengliederungen für natürlicheres Laufen.

Welche Fehler wurden gemacht?

Fehler ist nicht das richtige Wort. Die Halbwertszeiten in der Biomechanik sind aber, wie überall, recht kurz. Da sollten wir sicherlich jedes Jahr unseren Horizont deutlich erweitern. Demgegenüber stehen aber leider relativ träge kollektive Lernprozesse, sodass wir hier Abstriche hinsichtlich der gewünschten Geschwindigkeit machen müssen. Es dauert also noch eine Weile, bevor die Pronation/Stütze Erklärungen anderen Erkenntnissen noch mehr Raum geben. Die komplexen Zusammenhänge von Bewegungsabläufen zu kennen und die richtigen Konsequenzen für die Schuhwahl zu ziehen, das können nur sehr gut ausgebildete Spezialisten leisten. Auch haben die zweidimensionalen Bewegungsanalysen mit Laufbändern ihre Risiken. Diese kann man nur minimieren, wenn man sie auch genau kennt.

Stichwort „individuelle Anpassung“ – was ist eigentlich darunter zu verstehen?

Kein Fuß auf der Welt gleicht einem anderen. Daher scheint das Interesse an diesem Thema sehr plausibel zu sein. Wenn wir in der Sportschuhindustrie von individueller Anpassung sprechen, so aber doch höchstens durch die Einlagenversorgung. Wem diese dient oder nutzt, müssen allerdings unsere Orthopäden oder orthopädischen Schuhmachermeister entscheiden. Mizuno versucht, wie die meisten Hersteller auch, über verschiedene Leistenformen und Schaftaufbauten sich einer möglichst großen Grundgesamtheit anzunähern, um so eine größtmögliche „Schnittmenge” bedienen zu können. Bei über 80 Mio. unterschiedlicher Fußpaare allein in Deutschland ist alles andere sicherlich ein frommer Wunsch.

Beim Discounter gibt es mittlerweile Laufschuhe für 20?€ . Erklären Sie uns, weshalb ein Hobbyläufer seinen Geldbeutel nicht schonen sollte, sondern sich lieber für bessere Schuhe entscheiden sollte!

Da ist zunächst der Aufwand zu berücksichtigen, den ein Schuh benötigt, um in die Produktion gehen zu können. Da gehen schon meist acht bist vierzehn Monate umfangreicher Tests ins Land, bevor Zwischensohlen, Schaftmaterialien, entsprechende Technologien und andere neue Komponenten so aufeinander abgestimmt sind, dass der Laufschuh funktioniert und das auch über 16 bis 20 Größengänge. Das ist mit 20?€ niemals zu schaffen. Zudem müssen Sie enorme Eingeständnisse hinsichtlich der Qualität, also der Lebensdauer und funktionellen Dämpfung, der Passform und auch der Führungseigenschaft des Schuhs machen. Also sollten Sie sich dann fragen, ob Sie damit überhaupt laufen können. Das ist so, als würden Sie ernsthaft versuchen, ein fabrikneues Fahrrad um 180,- € mit dem bei einem Fachhändler für 900,- € und mehr angebotenen zu vergleichen.

*Wagen Sie einen Blick in die Zukunft! Müssen wir noch selber laufen oder nehmen uns das die „Zukunfsschuhe“ ab?*
Wir gehen davon aus, dass wir auch in 50 Jahren noch selber laufen müssen und hoffentlich auch wollen. Die Zauberformel des Perpetuum Mobile oder auch die des Energy Returns ist einfach noch nicht gefunden. Wenn wir über Innovationen sprechen, dann nur im Zusammenhang sportmedizinischer und/oder biomechanischer Hin­weise oder aus dem Feld der Umwelt­technologien.

Ausgabe MSN 4 / 2009

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe MSN 4 / 2009.
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